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Führung

Der Bremser hat selten etwas gegen Sie. Er hat etwas zu verlieren.

8. September 2026 · 4 Min. · von Marc Pawlak

Illustration: Zwei Personen beim Armdrücken an einem Tisch, daneben zwei Personen mit Megafonen

Widerstand wird schnell als Ablehnung gelesen. Häufig schützt jemand damit etwas, das im ersten Moment gar nicht sichtbar ist.

In einem Team gerieten zwei Kollegen bei fast jeder Entscheidung aneinander. Der eine drängte auf Tempo, der andere bremste. Meetings zogen sich, weil beide immer wieder an derselben Stelle aneinandergerieten. Von außen sah das nach einem persönlichen Konflikt aus, nach zwei Menschen, die sich einfach nicht mochten. Kolleginnen und Kollegen begannen, Position zu beziehen, und die Stimmung im Team wurde spürbar angespannter.

Im moderierten Gespräch wurde etwas anderes sichtbar. Der eine kämpfte vor allem dafür, dass Entscheidungen schnell getroffen werden, damit das Team handlungsfähig bleibt und nicht in Abstimmungsschleifen hängen bleibt. Der andere dafür, dass niemand im Team übergangen wird, bevor eine Entscheidung fällt, weil er in der Vergangenheit erlebt hatte, wie schnelle Entscheidungen später revidiert werden mussten. Zwei Anliegen, beide vernünftig, beide aus guten Gründen entstanden. Als beide ihre Beweggründe aussprachen, wurde aus dem Streit ein sachliches Gespräch.

Zwei Werte, kein Charakterproblem

Hätte niemand nachgefragt, wäre daraus vermutlich ein Etikett geworden. Der eine gilt als ungeduldig, der andere als schwerfällig. Beides hätte vielleicht zum beobachtbaren Verhalten gepasst und trotzdem am Kern vorbeigeführt. Denn nicht die beiden Personen waren das eigentliche Problem. Das Team hatte nie geklärt, wie es entscheidet, wenn Tempo und Beteiligung gleichzeitig wichtig sind. Für Führung ist diese Unterscheidung entscheidend: Wird Verhalten vorschnell personalisiert, entstehen Etiketten und Lager. Werden dagegen die berechtigten Anliegen sichtbar, lässt sich über Regeln und Entscheidungen sprechen statt über Charaktere.

Warum wir Widerstand zuerst als Angriff lesen

In Entscheidungssituationen ist wenig Zeit, und Widerspruch fühlt sich schnell wie eine Bremse an, die Fortschritt aufhält. Also wird argumentiert, überstimmt oder irgendwann ignoriert. Was dabei leicht verloren geht, ist die Frage, wofür der Widerspruch eigentlich steht. Häufig schützt jemand damit etwas, das ihm wichtig ist: Qualität, Beteiligung, Sicherheit, Tempo oder die Erfahrung, gehört zu werden. Wer wiederholt erlebt, dass Widerspruch vor allem als Störung behandelt wird, lernt irgendwann nicht, besser zu widersprechen, sondern gar nicht mehr zu widersprechen. Das kostet nicht nur Vertrauen, sondern oft auch die Qualität späterer Entscheidungen.

Wie sich das im Gespräch anders anhört

Statt „Können Sie das Thema jetzt einfach ruhen lassen?“ hilft deshalb eine andere Frage: „Was ist Ihnen an dieser Stelle wichtig, das ich vielleicht übersehe?“ Der Unterschied ist klein in der Formulierung und groß in der Wirkung. Die erste Frage will das Gespräch beenden. Die zweite hält es für genau den Moment offen, in dem sichtbar werden kann, welches Anliegen hinter dem Widerstand steht.

Die andere Frage

Die hilfreichere Leitfrage im Führungsalltag lautet deshalb nicht „Warum ist die Person so schwierig?“, sondern: Was will sie hier eigentlich schützen? Manchmal ist es Tempo. Manchmal Sorgfalt. Manchmal Beteiligung oder einfach das Gefühl, gehört zu werden, bevor etwas beschlossen wird. Diese Frage verändert den Blick. Sie macht aus Widerstand noch keine Zustimmung, aber sie schafft die Grundlage dafür, das eigentliche Spannungsfeld zu führen. Die entscheidende Frage lautet dann: Welche berechtigten Anliegen konkurrieren hier, und welche Regel braucht es, damit das Team trotzdem handlungsfähig bleibt?

CoachKonsult-Perspektive

Der Konflikt der beiden Kollegen sah zunächst persönlich aus, eine Sache zwischen zwei Menschen. Sichtbar wurde erst im Gespräch, was dahinterlag: zwei berechtigte Werte, Tempo und Beteiligung, die im Team ungeklärt gegeneinanderstanden.

Widerstand entsteht selten isoliert. Häufig ist er Ausdruck unterschiedlicher Erfahrungen, Rollen und Verantwortlichkeiten, die im Team aufeinandertreffen. Wer nur auf das Verhalten der einzelnen Person schaut, sieht den Streit. Wer den Kontext dahinter betrachtet, sieht die Führungsfrage: Wie trifft dieses Team Entscheidungen, wie viel Beteiligung braucht es und wer übernimmt Verantwortung, wenn nicht alle Interessen gleichzeitig erfüllt werden können?

Führung wird dort wirksamer, wo nicht nur Personen verstanden werden, sondern auch das Spannungsfeld selbst geführt wird. Oft liegt die Lösung nicht darin, einen der beiden zu überzeugen. Sie liegt darin, eine klare Regel zu schaffen: Welche Entscheidungen brauchen Tempo? Wo ist Beteiligung notwendig? Und wer entscheidet, wenn beides nicht gleichzeitig möglich ist? So wird aus einem vermeintlichen Charakterproblem eine gestaltbare Frage von Zusammenarbeit und Entscheidungsfähigkeit.

Mein Impuls

Widerstand ist nicht automatisch Ablehnung. Häufiger ist er die Verteidigung eines Werts oder Anliegens, das jemand gerade bedroht sieht. Wer das früh genug fragt, statt es vorschnell zu bewerten, verändert nicht nur das Gespräch. Er schützt auch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und Widerspruch einzubringen. Für Führung ist das entscheidend: Nicht jeder Widerstand muss aufgelöst werden. Aber er sollte verstanden werden, bevor über ihn entschieden wird.

Wo wird in Ihrer Organisation gerade eine Person zum Problem erklärt, obwohl eigentlich zwei berechtigte Anliegen ungeklärt miteinander konkurrieren? Wenn Sie solche Spannungsfelder früh erkennen und konstruktiv bearbeiten möchten, freue ich mich auf den Austausch.

Was soll in Ihrem Arbeitsalltag klarer werden?

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Marc Pawlak sitzt lächelnd mit verschränkten Händen am weißen Tisch vor dunkelblauem Hintergrund